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Analyse: Kölns durchdachte Transferpolitik

Vier Spieler hat der 1. FC Köln mittlerweile verpflichtet – trotz drohender Transfersperre. Dabei verfolgen die Kölner noch immer den Weg, Spieler zu entwickeln und den einer durchdachten Transferpolitik.

Der Verpflichtung von Jacob Christensen kam dann doch ein wenig überraschend. Der 21-jährige Mittelfeldspieler wird als Nachfolger von Ellyes Skhiri gehandelt. Große Fußstapfen. Fußstapfen, die er vermutlich nicht sofort ausfüllen kann, nach Experten mit großer Wahrscheinlichkeit mittelfristig aber wird. Bei den Kölner Transfers ist wieder ein klares Muster zu erkennen. Ein Muster, dass dem 1. FC Köln bei der Gesundung hilft. Analyse: Kölns durchdachte Transferpolitik….

Fotos: picture-alliance/dpa

Nach den Länderspielen haben sich nun auch die A-Nationalspieler des 1. FC Köln in den Urlaub verabschiedet. Währenddessen wird rund um, aber vor allem auch in dem Geißbockheim fleißig gearbeitet. Untätigkeit kann man Sportdirektor Christian Keller in diesen Tagen nicht vorwerfen. Mit Davie Selke wurde erst in der vergangenen Woche verlängert, weitere Vertragsverlängerungen etwa mit Marvin Schwäbe oder Benno Schmitz sollen unmittelbar bevorstehen. Und: der FC war bereits auf dem Transfermarkt mächtig aktiv. Dabei war lange nicht klar, ob die Kölner in diesem Sommer überhaupt einen neuen Spieler würden verpflichten können. Die Transfersperre, die die FIFA dem FC auferlegt hatte, dürfte Christian Keller bei so manchen Vertragsgesprächen einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Umso erstaunlicher ist das Zwischenzeugnis der Kölner Verantwortlichen vier Wochen nach Aussetzen der Sanktion.

Deshalb werden in den nächsten Jahren eher ein Entwicklungsklub sein. Ein Verein, der überwiegend Spieler holt, die noch nicht zwingend Bundesliganiveau nachgewiesen, die aber das Potenzial dazu haben. Anders können wir nicht gesund werden

Christian Keller

Bereits vier Neuzugänge beim FC, keine Ablöse

Denn der FC hat vier Spieler neu verpflichtet (exklusive der gezogenen Kaufoption von Jeff Chabot), nur der VfL Bochum kann noch mehr Neuzugänge verzeichnen. Vielleicht waren Keller und Co. auch so fleißig, weil nicht ganz klar ist, wie lange die Transfersperre ausgesetzt bleibt. Dennoch: das, was für den ein oder anderen Skeptiker vielleicht nach blindem Aktionismus riecht, scheint sehr gut durchdacht zu sein, die Transfers haben bislang Hand und Fuß. Leart Paqarada kommt ablösefrei von St. Pauli, war nach den Zahlen in der 2. Bundesliga der beste Außenverteidiger, der vielleicht sogar noch einen Ticken mehr in das Offensivspiel investiert, als Jonas Hector. Einige andere Clubs sollen ebenfalls die Fühler nach Paqarada ausgestreckt haben. Mit Luca Waldschmidt haben die Kölner zudem einen Offensivspieler an den Rhein gelotst, der das FC-Spiel variabler machen soll, der Nationalspieler war und dem man ein Leistungsschub unter Steffen Baumgart durchaus zutrauen darf.

Mit Jacob Christensen kommt nun noch ein Sechser dazu, nachdem sich laut dänischer Medien halb Europa die Finger geleckt haben soll, der auf jeden Fall voller Ehrgeiz und vor allem aber viel Potenzial steckt. Jonas Nickisch fällt vom Leistungsvermögen vielleicht noch ein wenig ab, ist aber ebenfalls eine sehr sinnvolle Investition in die Zukunft.

Unterm Strich hat der FC also verheißungsvolle neue Spieler nach Köln geholt und für diese nicht einen Cent Ablöse bezahlt. Das wird sich wohl noch ändern, denn es werden weitere Spieler gesucht und Keller kündigte bereits an, auch den ein oder anderen Euro noch in die Hand nehmen zu wollen. Eine Strategie ist aber auch in dieser Transferperiode wieder erkennbar: „Deshalb werden in den nächsten Jahren eher ein Entwicklungsklub sein. Ein Verein, der überwiegend Spieler holt, die noch nicht zwingend Bundesliganiveau nachgewiesen, die aber das Potenzial dazu haben. Anders können wir nicht gesund werden“, hatte der Sportdirektor vor einem guten Jahr dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ gesagt.

FC könnte dickes Transferplus erzielen

Schon damals hat er seinen Worten Taten folgen lassen. Insgesamt holten die Kölner im vergangenen Sommer neun Spieler, gaben rund sieben Millionen Euro Ablöse aus und damit so viel, wie zum Beispiel für Sebastian Andersson oder Jorge Meré. Gool.ai berechnet anhand von objektiven Leistungsparametern den genauen Marktwert von mehr als 90.000 Profifußballern. Laut der Online-Plattform lagen die Marktwerte der Neuzugänge im vergangenen Sommer bei mehr als 20 Millionen Euro, mittlerweile kommen diese neun Spieler auf mehr als 26 Millionen Euro, im kommenden Sommer werden es laut Prognose mehr als 32 Millionen sein. Natürlich ist nicht bei allen Akteuren eine positive Entwicklung zu sehen. Während beispielsweise Linton Maina seinen Marktwert von 1,3 Mio. auf 3.3 Millionen Euro steigern konnte, ist der von Sargis Adamyan von 3,5 auf 2,4 Mio. gefallen. Dennoch haben sich die Akteure in ihrem Marktwert um rund sechs Millionen Euro „entwickelt“.

Transfermarkt.de bescheinigt dem FC seit dem 1. Juli 2022 eine Marktwertsteigerung des Kaders um 21,8 Prozent. Im Ligavergleich belegen die Kölner damit den fünften Rang, unmittelbar hinter Augsburg mit 22,7 Prozent. Besser schneiden nur Bremen (46,6%), Bochum (67,5%) und Union Berlin (86 %) ab. Seit Kellers Dienstbeginn am 1. April 22 berechnet das Portal sogar eine Steigerung von 30 Prozent.

Und genauso soll es auch in Zukunft und damit auch in dieser Transferperiode weitergehen. Stand jetzt hat der FC noch keinen Cent Ablöse für die Neuzugänge bezahlt. Alleine die Marktwerte von Leart Paqarada, Jacob Christensen und Luca Waldschmidt berechnet Gool.ai auf rund 23 Millionen Euro. Für Luca Waldschmidt müsste der FC dem Vernehmen nach 4 Millionen Euro Ablöse bezahlen, wenn er die Kaufoption ziehen will. Ebenfalls eine überschaubare Summe und ein überschaubares Risiko. Der aktuelle Marktwert von Waldschmidt liegt demnach bei 5,16 Millionen Euro und damit höher als der von Davie Selke (2.23 Mio) und Steffen Tigges (3.4 Mio). Da sich der Marktwert mit jeder einzelnen Leistung verändert, kann in diesem Jahr viel passieren. Für den FC ergeben sich bei Waldschmidt zwei Szenarien: Sollte der Angreifer in Köln nicht funktionieren, wird er im kommenden Sommer nach Wolfsburg zurückkehren. Bei den Wölfen hat er bis 2025 Vertrag. Die Hoffnungen ruhen dagegen auf Steffen Baumgart, der gerade bei Anthony Modeste und Davie Selke bewiesen hat, dass er den richtigen Hebel bei formschwachen Stürmern finden kann. In diesem Fall würde sich der Marktwert von Waldschmidt sehr schnell wieder erhöhen.

Keller und Co. machen aktuell viel richtig

Eine beachtliche Bilanz also. Und eine Bilanz, die zum Gesundungsprozess des FC beiträgt. Auch deswegen verkündete Keller im Mai dieses Jahres: „Die schwarze Null steht. Es war immer das Ziel, einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen, in dem keine Sondereffekte wie Transfers vorkommen. Und wir werden in der Lage sein, das im Sommer erstmalig seit vielen, vielen Jahren hinzubekommen.“ Heißt: Der FC ist auf Spielerverkäufe wie im vergangenen Jahr bei Anthony Modeste und Salih Özcan nicht mehr angewiesen. Dabei ist das Prinzip, junge Spieler auszubilden, sie weiterzuentwickeln und dann erlössteigernd zu verkaufen sicherlich ebenfalls ein probates Mittel, um den Gesundungsprozess voranzutreiben.

Die Frage, warum der FC junge Talente wie Jens Castrop dennoch ziehen lässt, ist durchaus berechtigt. Man darf Keller und Co. aber zutrauen, dass sie sich mit den Leistungen der Spieler und deren Potenzial in der vergangenen Saison intensiv auseinandergesetzt haben. Gemessen an den Marktwertdaten scheinen die Kölner Verantwortlichen in den vergangenen Monaten viel richtig gemacht zu haben. Am Ende des Tages wird der Erfolg des Sportdirektors auch am Erfolg der Mannschaft gemessen.

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